Geliebtes Indien – Ein Reisebericht, Teil 4: On the road in Kerala :-)

Egal, ob man in Kerala oder sonstwo in Indien on the road ist: on the road ist in Indien ein waghalsiges Abenteuer. Man braucht Nerven wie Stahlseile. Und gesundes Gottvertrauen. In Indien passieren sehr viele Verkehrsunfälle, vor allem gefürchtet sind die zahlreichen Frontalzusammenstöße, leider häufig mit tödlichem Ausgang. Sitzt man in Indien erstmal auf der Rücksitzbank eines Autos oder einer Riksha, fängt man automatisch an zu beten. Ich absolviere die Fahrten meist gebannten Blickes vorne raus durch die Windschutzscheibe und schließe in besonders haarigen Situationen einfach die Augen. Auch diesmal gingen mir bei jeder Fahrt existentialistische Gedanken durch den Kopf. Ich sag es mal so: Der indische Gedanke an verschiedene Widergeburten macht in diesem Land in vielerlei Hinsicht Sinn😉 Und der Glaube daran, dass die zahlreichen Verkehrspolizisten die Dinge im Griff haben.

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Meist füge ich mich nach einer Weile meinem Schicksal, vertraue darauf, dass ich noch nicht „dran“ bin und gehe dazu über, das indische Leben seitlich heraus aus der Scheibe zu beobachten. Egal wo man rausschaut, vorne, seitlich oder hinten, überall passiert so viel, dass Stunden vergehen wie im Flug. Auf Indiens Straßen ist immer Prime time. Ich liebe dieses Autokino aus ganzem Herzen. In Kerala läuft das Ganze tatsächlich etwas moderater ab als in Nordindien zum Beispiel. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine längere Busfahrt in Rajasthan, während der ich erleben durfte, dass Autos, Busse und LKWs ohne jeglichen Einsatz des Blinkers oder sonstiger Verkehrszeichen, mitten auf der Autobahn wendeten, sie kreuzten und ähnliches. Der Höhepunkt war, als uns ein Pferd mit Reiter auf der Autobahn überholte. Im Galopp. Ich glaube, das war der Zeitpunkt, in dem ich meiner Seele kurzfristig einfach Urlaub gab. In Kerala ist das mit dem Verkehr zwar etwas weniger wild, aber für europäische Verhältnisse wild genug. Ihr müsst euch das in etwa so vorstellen: eine zweispurige Straße. Beide Spuren eher schmal als breit. Seitliche Begrenzung Fehlanzeige, denn die Straßen gehen nahtlos in nicht vorhandene Bürgersteige über🙂. Auf diesen 2 Spuren fahren in beide Richtungen PKWs, LKWs, Busse, Minibusse, Mopeds, Rikshas und Fahrräder. Jeder überholt jeden zu jeder Zeit in halsbrecherischem Tempo. Aus 2 Spuren werden dann gerne mal 6-7 Spuren. Sehr beliebt ist das Szenario: Dein Taxi überholt ein vor dir fahrendes Fahrzeug. Sofort setzt dein Hintermann an, dich in 3. Spur noch schnell zu überholen. Und nicht selten taucht am rechten Rand Überholer Nummer 4, z. Bsp. ein irrer Mopedfahrer, auf. Das Ganze kommt dir auch im Gegenverkehr entgegen. Es gibt so gut wie keine Ampeln oder Verkehrsregeln, das Einzige, das zählt, ist konstantes Hupen und ein böser, entschlossener Clint Eastwood-Blick. Gehupt wird als Aufforderung (Hau ab!), als Frage (Hallo? Ist da hinter der Kurve jemand?), als Drohung (Weg da, sonst mach ich dich platt!) oder aus Lust und Laune. Den berüchtigten Clint Eastwood-Blick habe ich mehrfach erleben dürfen. Meist im Rückspiegel wahnsinniger Taxi- und Rikshafahrer. Ich weiß nicht, welche Fahrzeuge ich am schlimmsten finde. Sie sind alle schlimm. Aber vielleicht sind die Schlimmsten doch die Busse. Nicht ganz zu Unrecht nennt man eine indische Überland-Busfahrt auch Himmelfahrtskommando.

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Was jetzt nicht heißt, dass dies Fußgänger, Ziegen, Kühe und Hunde davon abhält, zu jeder Zeit spontan die Fahrbahn zu überqueren🙂

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Auch wenn ihr jetzt denkt, die Katerwolf ist eine Irre, ich sag euch nur: Lasst euch davon nicht abhalten, nach Indien zu fahre. Das Leben ist immer ein Abenteuer und ein totales, unberechenbares Risiko obendrein. Mit dem Unterschied, dass man sich bei uns in scheinbaren Sicherheit wiegt. In Indien ist das pralle Leben auf der Straße, zu jeder Zeit sichtbar. Leben, Tod, Freude, Leid. Nichts wird versteckt. Man kann es lieben oder hassen. Wenn man der Typ dafür ist, liebt man es – für immer. Mitlesende Indienliebhaber werden mir Recht geben. Ich für meinen Teil genieße es immer, wenn sich in mir nach einer Weile Überlandfahrt eine gewisse fatalistische Grundhaltung breitmacht und ich mich dem hingebe, was sich meinem Auge bietet. Das ist grundsätzlich etwas ganz anderes als in meinem Heimatland Deutschland. Denn wenn man im dicht besiedelten Indien unterwegs ist, ständig kleinere und größere Ortschaften passiert, sieht man unter anderem dies: schöne Frauen in farbenfrohen Saris (macht mich immer wieder aufs Neue froh), die im Bundesstaat allseits beliebten Streiks und kleine stolze Jungs in der bemalten Riksha des Vaters :-)

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Etwas, dass mich in Indien stets fasziniert, ist die unglaubliche Fülle an Schulkindern. In Kerala ist man sehr stolz auf den hohen Bildungsstandard. Tatsächlich findet man in nahezu jeder Ortschaft mindestens 1 Jungen- und 1 Mädchenschule, Internate und Colleges säumen den Weg, Schulen der schönen Künste (College of Music and fine arts), und in Kerala gibt es ein hohes Bestreben, Mädchen auszubilden. Die lachenden, in ihren Schuluniformen so adrett aussehenden Schulkinder zu beobachten, ist einfach nur schön. Zumal man in Indien nie „nur“ Beobachter ist, immer wird man zeitgleich genau so beäugt. In diesem Fall von lachenden Schulkindern, die einem ein fröhliches „Hello“ entgegenrufen:

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Denkt man an Indien, denkt man zumeist auch an Indiens Religionen. Hindus, Buddhisten, Moslems, Sikhs, Christen und einige Unterreligionen leben in Indien dicht beieinander. In einigen Teilen mit heftigen Konflikten, in anderen widerum friedvoll. In Kerala ist man auf eine Sache besonders stolz: auf das friedliche Miteinander der einzelnen Religionen. In Kerala gibt es überwiegend Christen, aber auch sehr viele Hindus und Moslems. Noch nirgends auf der Welt habe ich gesehen, dass in einem Ort eine Kirche neben einer Moschee neben einem Hindutempel stehen. In Kerala ist das die Norm. Das Besondere ist, dass viele Gläubige in alle religiöse Häuser gehen. Mit Erstaunen sah ich Moslems aus Kirchen und Christen aus Moscheen kommen und Hindus vor einer Statue des heiligen Georg niederknien. Wie auch immer, ist man in Indien unterwegs, wird einem die tief verwurzelte Religiosität bewusst. Auch das liebe ich, weil es ein Fest für die Sinne ist. Insbesondere, wenn man zu einer Zeit der religiöser Feste unterwegs ist:

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Ihr seht schon, ich komme wieder ins Schwärmen, aber seht selbst, kennt ihr so etwas aus Deutschland? Ich jedenfalls habe noch nie einen Transporter gesehen, der zur gleichen Zeit Sessel und Passagiere transportiert. Die einen anlachen, mit den Köpfen wackeln und fröhlich „Hello“ rufen🙂

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6 Gedanken zu „Geliebtes Indien – Ein Reisebericht, Teil 4: On the road in Kerala :-)

  1. „Mit Erstaunen sah ich Moslems aus Kirchen und Christen aus Moscheen kommen und Hindus vor einer Statue des heiligen Georg niederknien. Wie auch immer, ist man in Indien unterwegs, wird einem die tief verwurzelte Religiosität bewusst.“
    Und das würde mir auch so sehr gefallen. Wenn es doch nur überall so wäre.

    Im Moment geht mir das unter vorgeblich Gebildeten mittlerweile sehr beliebte Religionsbashing hierzulande doch sehr gegenden Strich. Zugegeben, allerlei fanatische Fundamentalisten können einem schon gelegentlich Zweifel an der eigenen Spiritualität wecken. Aber immer nur „die Religionen“ für alles Unheil der Welt verantworlich machen ist eben auch so sinnlos wie falsch.

  2. Ich liebe es, wenn du erzählst.😀 Die Toleranz Andersgläubigen gegenüber wünsche ich mir grad in diesen Tagen auch für unser Land… Und bei deinen Schilderungen des indischen Straßenverkehrs ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass es hierzulande im Vergleich dazu recht langweilig zugeht.😉 Und was bei uns los wäre, wenn ein Reiter auf einer Autobahn im gestreckten Galopp ein Kfz überholen würde! Wahrscheinlich würden sich die „Blöd“-Zeitung & Co. gar nicht mehr einkriegen.:mrgreen:

  3. Herrlich zu lesen – wie immer.

    Das Streben nach hoher [Aus-] Bildung der Mädchen geht bei mir allerdings gerade im Kopf nicht mit den schlimmen Nachrichten bezüglich Frauenverachtung etc. aus Indien überein – habt ihr davon auch etwas mitbekommen, oder nur die guten Seiten?

    • Das ist ein langes Kapitel, liebe Rebekka, aber in Kerala sind Vergewaltigungen m.W. kein Problem. Nicht mehr als andernorts in der Welt! LG, Katerina

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