Wie im wilden Westen

Hattet ihr schon mal das intensive Bedürfnis, euch zu prügeln? So richtig wie im Wilden Westen, saubere Saloon-Prügelei, Zähne und Stühle fliegen, Flaschen zerschellen auf dem Kopf? Nein? Ich schon. Gestern.

Wie jeden Tag fuhr ich zur Baustelle unseres neuen Hauses, wollte rasch was mit den Handwerkern besprechen. Unsere neue Straße ist eine recht steil ansteigende, schmale Straße, die wenig Parkmöglichkeiten bietet und ein Stückchen oberhalb unseres Hauses in einer Sackgasse mündet, direkt am Wald. 2 Autos kommen gerade mal so aneinander vorbei, parken Autos auf den zulässigen Parkflächen, wird es schon schwierig und erfordert ein gut sozialisiertes Straßenverhalten.  Die derzeitige Nachbarschaft setzt sich aus distinguierten Gruftis zusammen, die offenbar schon seit mehreren Jahrhunderten in der Straße wohnen und ihre Gruft auch tagsüber verlassen, schattengleich in der Straße herumschleichen, Ordnungswidrigkeiten aufspüren und gerne auch mal die Polizeit rufen. Man nennt sowas Nachbarschafts-Petzen. Das ist freundlich. Unfreundlich ist: Nachbarschafts-Stasi. Trifft es aber auch ganz gut. Erfreulicherweise findet in der Straße neuerdings ein Genrationswechsel statt. Die Alten sterben weg und viele junge und mittelalte Familien und Paare ziehen hinzu. Denkt jetzt nicht, ich sei respektlos, wegen „die Alten sterben weg“ und so. Ich respektiere das Alter sehr, sehr, sehr. Aber nicht alles, was alt ist, ist auch nett.

Ein Stück hinter unserem Haus ist ein wunderschöner Kindergarten. Zwischen 16 und 17 Uhr werden die lieben Kleinen von ihren Mamis abgeholt. Ich vermute, diese Zeit ist eine sehr sensible Zeit, denn die Mamis parken ihre Kinder-Combi-Kutschen, die man gut an zahlreichen Kindersitzen und so lustigen Aufklebern wie z. Bsp. Chantal-Angélique und Kevin-Marc-Spencer an Bord sowie an kreativen Parkmethoden erkennen kann. Wenn die Mamis nun ihre Kutschen kreativ auf den spärlichen Parkplätzen parken, entsteht ein harter Verteilungskampf mit den Anwohnern und durchfahrenden Autos, die nun nur erschwert passieren können. Das Ganze dauert vielleicht 30 Minuten und dann ist der Spuk vorbei. In urdeutscher Manier entsteht in dieser Stoßzeit ein erhöhter Stresspegel, und auch die Anwohner-Gruftis schleichen in dieser Zeit sensationslüstern vermehrt durch die Straße.

Unglücklicherweise blockieren derzeit auch unsere Handwerker die eine oder andere Durchfahrtmöglichkeit, man kann es ihnen noch so oft sagen, sie stellen ihre Autos doch dahin. Bislang ging alles gut. Keine Anzeigen, keine festgeketteten Rentner an der Radkappe. Gestern suchte ich mir genau diese Zeit aus, um auf die Baustelle zu fahren. Nach ergebnisloser Parkplatzsuche und genervter Blicke in Richtung schnackender Mamis neben kreativ parkenden Kutschen, stellte ich meinen Wagen kurzentschlossen ins absolute Halteverbot, lief um den Wagen herum, um zu sehen, ob ich die Straße blockierte, dem war nicht so und eilte ins Haus. Kaum war ich drin, hörte ich draußen tumultartigen Lärm und ein Handwerker kam hektisch reingelaufen und sagte, es wäre besser, wenn ich sofort meinen Wagen wegfahren würde. Ich also wieder raus, wo sich mir folgendes Bild bot:

Ein mittelgroßer Transportlaster vor meiner Kühlerhaube, hupend, dahinter 3 Autos, hupend, auf dem Bürgersteig ein Grufti, mehrere Kompostis an offenen Wohnzimmerfenstern, zum Teil mit Kissenpolster. Aha. Behende sprang ich ins Auto, startete und musste feststellen, dass der hupende Transporter so dicht an meiner Stoßstange stand, dass ich manövrierunfähig war. Ich schaute zum Transporter hoch und erblickte im Führerhäuschen einen jungen Mann, der aussah wie eine Mischung aus tollwütigem tasmanischen Teufel und Pumuckl. Er gestikulierte wie ein Irrer und ich hörte ihn durch 2! geschlossene Autoscheiben (meine und seine) hindurch brüllen: „SCHAFF DICH FORT. SOFORT!!!“ Konnte ich ja aber nicht, weil er mich blockierte. Ganz nach dem Motto: „Blockierst du mich, blockier ich dich.“ Etwas ratlos saß ich im Wagen, merkte, wie mein Stresspegel ob des Gebrülles und der ganzen Situation anfing zu steigen und machte meinerseits eine Geste in seine Richtung, die ihm sagte: „Fahr mal ein Stück zurück!“ 

Unkontrolliertes Gefuchtel und Gebrülle seinerseits. Der neben meinem Wagen stehende Greis, eine Mischung aus Gollum und Catweazel, mit abstehenden Haaren, Hornbrille, Hosenträger und Buckel, brüllte von der Seite her wie ein Leierkastenmann: „Hopp, hopp, hopp, wie die Hasen, kreuz und quer. Absolutes Halteverbot. Hopp, hopp, wie die Hasen, kreuz und quer!“ Das brüllte er wirklich. Ist nicht gelogen. Ich dachte zuerst auch, ich hör nicht richtig. Ganz toll. Neben mir der irre Hasen-Grufti, vor mir der wildgewordene Lasterfahrer. Frau Katerwolf manövrierunfähig in ihrem Wagen. Irgendwann, so nach ein paar Minuten, platzte mir der Kragen und ich brüllte Lasterfahrer und Hasen-Greis mit überschnappender Stimme an, sie sollten sofort aufhören, mich so anzubrüllen. Worauf der Lasterfahrer aus seinem Führerhäuschen sprang und auf mich zustapfte wie der Terminator.

*schluck*

Mutig brüllte ich ihn an, er solle sofort aufhören mich anzubrüllen und seinen Laster zurück fahren, damit ich meinen Wagen wegfahren kann. Mutig. Oder dämlich. Merke: Brülle nie einen tobenden Lasterfahrer an. Schaff dich sofort hier weg, du F***e!“ Jawoll, das brüllte er, mitten in der distinguierten Nachbarschaft. Ich muss sagen, dass Frau Katerwolf, eine Mischung aus ungarischem und tschechischem Blut, über ein beachtliches slawisches Temperament verfügt, dass man nicht wecken sollte. Genau das hatte der Lastermann jetzt aber getan. Mein Gesicht zuckte, meine scharfen Eckzähne lugten aus dem Mund, meine Hand schloss sich um den Türgriff. Neben mir ulkte immer noch der Hasen-Grufti: „Hopp, hopp, hopp, wie die Hasen, kreuz und quer. Absolutes Halteverbot. Hopp, hopp, wie die Hasen, kreuz und quer!“

Gott-sei-Dank hatte unser Malermeister die Situation beobachtet und kam von hinten an, ganz John Wayne, und stellte sich neben meine Fahrertür. Starren Blickes den Laster-Prolo im Visier.  Der Lastermann wich automatisch vom Auto zurück. Als ich das sah, machte es in mir merklich *pffft* und erleichtert sah ich, dass der Lastermann einstieg und seinen Transporter, immerhin 1 Meter, zurücksetzte. „Fahren Sie jetzt ihren Wagen weg. Ganz ruhig. Einfach wegfahren!“ riet mir der Malermeister. Genau das tat ich dann auch. Wendete und fuhr die Straße hoch. Ob ihr es glaubt oder nicht. Wie ein Kobold galoppierte Hasen-Gollum neben mir her und brüllte seine kranke Hasen-Litanei in mein Auto hinein. Das tat er auch noch, als ich „legal“ einparkte und ausstieg. „Hopp, hopp, hopp, wie die Hasen, kreuz und quer. Absolutes Halteverbot. Hopp, hopp, wie die Hasen, kreuz und quer!“ Das war 1x Hoppelhase zuviel.

„Blockwart! Stasi!“ brüllte ich zurück. Woraufhin er irgendwo hinter dem Haus in seiner Gollum-Höhle verschwand. Ich stapfte zurück ins Haus wie Django und schaute in ein paar sehr irritierte und ängstliche Handwerker-Augen. Und in die meines Mannes. Ich kenne diesen Blick. Er kennt mich. Und sagte deshalb: „Zum Glück gibt es in Deutschland ein Waffengesetz. Sonst wären jetzt mindestens 2 Menschen tot.“

Ok, peinlich das Ganze, ich gebs zu. Die Nachbarn wissen nun, dass dieses Blondie nicht nur spaßig ist. Unsere Handwerker auch. Mein Mann weiß das ohnehin. Und Gollum? Hm, vermutlich ist es eine gute Idee, nach vollzogenem Umzug, die liebe Nachbarschaft zum Einweihungs-Gartenfest einzuladen. Wenn sie dann noch leben😉

Kategorien: Alltagsabenteuer | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 37 Kommentare

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37 Gedanken zu „Wie im wilden Westen

  1. *Brüll* entschuldige, hach, das ist sooo lustig, was wär ich gern dabei gewesen :-)) *kichertweitervorsichhin*

  2. Ganz ehrlich – von dieser „nachbarlichen“ Bagage würde ich niemanden zum Gartenfest einladen…
    Wir haben hier auch so einen „Stasi-Blockwart“, der sich sogar nicht davor scheut, den Müll zu kontrollieren, ob da auch alles richtig entsorgt wird…
    Ich habe auch ein gerüttelt Maß an tschechischem Blut in mir – ich kann dich sehr gut verstehen, wäre ich in deiner Lage gewesen, hätten sich auch zwei Menschen fürchten müssen…

    • Ha, ha, dann weit du, wovon ich spreche! Und ja, du hast Recht, eigentlich will man nicht, dass so ne Leute wissen, wo man zu Hause die Milch stehen hat😉

  3. Leg beim Gartenfest etwas rohen Fisch bereit …
    … für Gollum

  4. Blogolade

    Dein Ruf wird dir noch lange vor deinem Einzug voraus eilen😀 ich wär auch sooo gerne dabei gewesen. Beim Gartenfest sollte es auf jeden Fall gegrilltes Kaninchen geben, für Gollum. Dann weiß er gleich wie der Hase läuft *fg*

    • Ich kann die ja vorher auf der Pfarrwiese nebenan jagen gehen, man muss schließlich was für seinen Ruf machen *grins*

  5. Ohlala, das verspricht noch heitere Geschichten…
    Das sind so Situationen, wo ich die ganze Zeit denke, gibt’s doch gar nicht, gibt’s doch gar nicht…

    Die Kindergartenmuddis kann ich ja verstehen, man könnte trotzdem mal den Kiga informieren, dass die wenigstens hinne machen. Denn wenn Muddis erstmal quatschen…

  6. Von diesem Deinem Post muß ich mich jetzt erstmal beim Kaffee erholen. Bis später!

  7. Hallo Kampfwolf, bin zurück. Zustand nach Kaffeetrinken.
    Zuerst: ich bin sehr glücklich, daß Du „behende“ nicht mit „ä“ schreibst! Und mit allem anderen, das ich jetzt von Dir gelesen habe, bin ich ebenfalls glücklich. Zwar habe ich kein tschechisches Blut, sondern sorbisches, aber das tuts auch. Und so kenne ich auch die Kräfte, die uns im äußersten Notfall zu Hilfe eilen. „Gefährlich ist´s, den Leu zu wecken…“
    Alles wird gut. Der kleine Trottel wird sich nicht mehr trauen, seinen Laster diese Straße hochzufahren, mit den netten Nachbarn wirst Du Dich anfreunden, die debilen, bösen sterben weg, und vor eurem Haus werdet ihr einen eigenen Parkplatz haben.

  8. Auch wenn die Situation für dich nicht grad zum Lachen war….. *prust*…ich kann mich grad kaum noch auf meinem Stuhl halten vor Lachen und versuche mir die ganze Szene grad bildlich vorzustellen😀

  9. Danke für die Story – einfach nur schön*gg* Ich kann Dich aber gut verstehen und bewundere wie ruhig Du da geblieben bist…Ist bei mir einmal der Punkt überschritten (was nur sehr, sehr selten passiert), gibt es kein Zurück mehr…😉 So, ich geh dann mal hopp, hopp, hopp mit dem Hund raus *Kopf einzieh*

  10. Au backe. Komisch, dass solche jungen Männer nicht sehen bzw. erkennen, dass sie selbst die Ursache des Übels sind.
    Der Alte hat aber auch ne Klatsche, ganz bestimmt.
    Genial erzählt, ich bin begeistert🙂

  11. Ich weiß, für Dich war das der pure Stress. Aber ich habe mich beim Lesen königlich amüsiert!

  12. Brigitte

    Das wären aber traurige Ostern für deinen Mann geworden, so allein mit den beiden Hunden, derweil die liebende Gattin wegen „Mord im Affekt“ im Knast sitzt.😉
    Und NEIN, diesen Nachbarn nicht einladen…..er wird ungefragt alles und jedes bei Euch kommentieren, glaubs mir. Wir haben hier gegenüber einen „Wachmann“, der mein Kommen und Gehen kontrolliert – pünktlich jeden Morgen, wenn ich losfahre erscheint er am Fenster (nachdem er schon eine Stunde vorher kontrolliert hat, ob ich aufgestanden bin, also das Licht in der Küche angeht). DAS NERVT, obwohl ich im Moment ETWAS dankbar bin, weil in der Nachbarschaft eingebrochen wurde. Aber so lange Günni auf unser Heim aufpaßt, kann nix passieren. Ich würde die Nachbarn Nachbarn sein lassen. Mit den Netten werdet Ihr sowieso in Kontakt kommen, ob Einweihungsparty oder keine.
    So genug geschwätzt, könnte noch die Nachbarschaftsgeschichte von meiner Freunding erzählen, die festellen mußte, dass der schwarze Hund, den sie plötzlich bei Nachbars sah, nicht eine Neuanschaffung von denen war, sondern ihr Eigener, der gerade das Zwergkaninchen gemeuchelt hatte usw usf. LIebe Ostergrüße, genieße die Feiertage in Freiheit.
    PS. Bin ja mehr so das vornehme norddeutsch-zurückhaltende Temperament *überzeugend schau*

    • Liebe Brigitte, die vermeintliche Periode war leider keine. War heute Nacht auf dem besten Weg zu verbluten und wurde heute notoperiert😒 Was es war, weiß man noch nicht. So eine blöde Scheiße.

      Von meinem iPhone gesendet

      • Sag bitte Bescheid, wenn Du was weißt.
        Alles Liebe, Thymi

      • Der Chefarzt, der mich operiert hat, war gerade hier. Es war tatsächlich wieder eine heftige Endometriose, die sich nach nur 3 Wochen aufgebaut hat. Sah nicht maligen aus, genau weiß man es nächsten Freitag. Er möchte der Gebärmutter gerne noch 1 Chance geben, bevor das Thema Total-OP diskutiert wird. Mein Bedarf an Scheiße ist jetzt ECHT gedeckt. Schluck jetzt ne Pulle und kuschel mich ins Krankenbett😄 Danke dir♥

        Von meinem iPhone gesendet

  13. Schlaf gut!

  14. Brigitte

    Oh nee oder? Ich wünsch dir das Allerbeste und dass es dir bald wieder besser geht!!!! Und pass gut auf dich auf.
    Ich drück dich ganz fest und schick dir ganz viel positive Kraft. Alles Liebe Brigitte

  15. Ach Du liebe Sch…e. Das hat ja gerade noch gefehlt. Ich wünsche Dir ganz schnelle Besserung.
    Ich hab das Ding ja schon ewig lange draussen und habe das nieeee bereut und der Einriff war echt pipifax.

    lg sue

  16. Danke für diesen Brüllerartikel, ich hätts nicht so würdevoll durchgehalten. Definitiv. Chapeau, Frau Katerwolf🙂

  17. Ach du liebe Güte! Frau Katerwolf in Action, oder sollte ich sagen: In Mission unterwegs? Du hast den Herrschaften jedenfalls mal ein ordentliches Schauspiel geboten, das sie sicher lange nicht vergessen werden. Zudem können sie endlich mal wieder etwas berichten. Ich höre es förmlich: „Du glaubst nicht, WAS ICH heute erlebt habe!“ Tja, und schon bist du Stadtgespräch, meine Liebe. Der LKW-Typ hatte aber nicht alle auf der Latte, was?!
    Zähne jetzt wieder schön einfahren😉

    Viele liebe Grüße, Emily

  18. Was für eine Geschichte! Da gings ja wirklich zu wie im Wilden Westen.
    Nur, wie kann man so bornert sein, wie dieser Lasterfahrer? Der hätte doch nur ein Stück zurückfahren müssen, Du hättest ausparken können und die Sache wäre erledigt gewesen.
    Aber dann hättest Du ja den Alten mit seinem Sprücherl nicht kennen gelernt.🙂 Obwohl, ich glaub, darauf hättest Du wohl auch ganz gut verzichten können.
    Unglaublich, was für Leute frei herum rennen! .-)
    LG Gabi

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